( 0 )
Cart
Added to Cart
    You have items in your cart
    You have 1 item in your cart
    Total
    Check Out Continue Shopping

    friends

    Perspective Daily

    Warum stehen die wirklich relevanten Themen in Zeitungen nie auf Seite 1? Wo bleiben die Lösungsvorschläge neben all den Problemen? Und wieso wird, wenn überhaupt, immer nur eine Lösung als die richtige präsentiert? Welche Perspektiven gibt es außerdem?

    Fragen, die Maren Urner, 31 und promovierte Neurowissenschaftlerin lange beschäftigten. Ihre Antwort: die Gründung von Perspective Daily, einem Online-Medium für konstruktiven Journalismus. Gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern und einem Journalisten entwickelte sie das Konzept und sammelt noch bis zum 28. März Crowdfunding-Unterstützer, um hoffentlich im April online gehen zu können.

    Ich habe Maren in ihrem Büro in der Fliednerstraße 21 in Münster besucht. Wenn die Initiatorin nicht gerade auf Veranstaltungen überall in Deutschland spricht, wirbt sie von hier aus prominente UnterstützerInnen an (Nora Tschirner war nach einer einzigen Mail Feuer und Flamme), bespricht mit ihren Team-Kollegen die nächsten Schritte, führt zahlreiche Telefonate und arbeitet am Laptop – meist zeitgleich. Zu unserem Treffen kommt sie trotz Fieber und ihr wöchentliches Arbeitspensum schätzt sie auf 80 Stunden: Maren Urner powert durch für ein Projekt, an das sie glaubt.

    Warum sind die 42€ Crowdfunding Beitrag für Perspective Daily gut investiert? Was erwartet mich als Unterstützerin?Also gut investiert sind sie auf jeden Fall, (lacht) weil man in ein neues, innovatives Sozialunternehmen in Deutschland investiert und Qualitätsjournalismus unterstützt. Konkret bekommst du dafür einen längeren Beitrag pro Tag – die tägliche „Dosis Perspektiven“. Das hat auch eine psychologische Komponente, so kommt es nämlich nicht zu einer Überflutung an Nachrichten. Allerdings wollen wir keine einseitige Kommunikation, bei der wir schreiben oder „machen“ – kann ja auch auditiv oder visuell sein – und die anderen nehmen wahr und können vielleicht noch einen Kommentar abgeben. Stattdessen möchten wir eine zweiseitige Kommunikation, bei der die Mitglieder Themen vorschlagen und mit den einzelnen Autoren inhaltlich weiterdenken und weiterarbeiten. Daraus können dann neue Beiträge entstehen – je nachdem was gerade gewünscht wird. Wenn man also zum Beispiel merkt, eine Diskussion geht in eine bestimmte Richtung, kann ein Artikel danach gestaltet werden. Und genau das ist ja auch ein gesellschaftlicher Wandel, wenn diese Diskussion ermöglicht wird. Wir sehen unser Schaffen also eher als eine Bereitstellung des Rahmens.

    Kurz und knapp in deinen Worten: Was ist konstruktiver Journalismus?
    Er ist ein Werkzeug im Journalismus, das zusätzliche Fragen stellt – allen voran: Wie kann es weitergehen? Und: Welche möglichen Lösungen gibt es, was wird vielleicht auch schon umgesetzt und was haben wir aus der Vergangenheit gelernt?

    In einem TED-Talk hast du dich mal als pessimistische Person beschrieben. Muss man für Perspective Daily nicht durch und durch Optimist sein?
    (Lacht) Ja, vielleicht ist das Ganze auch eine gewisse Selbsttherapie. Bei uns im Team sind Han und Felix die großen Optimisten, Bernhard ist so was in der Mitte und ich bin der Pessimist – wobei ich auch lieber Realist sage. Ich habe schon so meine Zweifel. Aber ich sehe da letztendlich auch nur zwei Alternativen: entweder stecke ich den Kopf in den Sand, gebe grundsätzlich auf und sage „Ok, ich versuche irgendwie mein Leben zu leben“ oder ich versuche, an Veränderungen zu arbeiten. Und natürlich hat jeder auch mal Tage, an denen er zynisch und pessimistisch ist, aber das ist auch in Ordnung.
    Ja, Perspective Daily ist eine Möglichkeit, mich selbst herauszufordern.Was qualifiziert eine/n AutorIn von Perspective Daily?
    Zwei Zutaten: Leidenschaft und Expertise. Der Autor muss einen thematischen Schwerpunkt haben, also am besten das Thema, an das er denkt, wenn er morgens aufwacht und über das er abends beim Bier noch diskutiert. Und er muss diese Hybrid- oder Mischlingsstruktur mitbringen, dass er sich mit dem Thema auskennt aber natürlich auch schon journalistische Erfahrung gesammelt hat. Er darf das Thema nicht als Fach- oder Wissenschaftsjournalist aufschreiben, sondern für ein breites Publikum.

    Euer Konzept ist es, jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen. Wie filtert ihr? Was macht ein Thema für euch nennenswert?
    Also eine Frage, die wir intern und auf öffentlichen Veranstaltungen oft diskutieren ist ganz banal: Was ist eigentlich eine Nachricht? Was ist relevant? Aus dem klassischen Journalismus kennt man dann die Relevanz-Kriterien.
    Wir fragen uns aber: Sind diese Kriterien vielleicht überarbeitungswürdig? Eine Grundmotivation für Perspective Daily war, dass viele wirklich wichtige Themen nicht auf Seite 1 stehen, weil sie nicht den Sensationscharakter erfüllen. Das sind große Herausforderungen wie der Klimawandel, die uns alle betreffen, ob jetzt schon oder in Zukunft. Das Problem dabei ist, dass Menschen langfristige Dinge weniger interessant finden. Die Herausforderung ist also, genau diese Themen so aufzuarbeiten, dass sie trotzdem ansprechend sind und ein Interesse bei den Menschen geweckt wird. Dabei kann es auch um grundlegende Dinge gehen, zum Beispiel unser Geldsystem. Wir gehen jeden Tag damit um, aber wissen eigentlich ziemlich wenig darüber. Solche Themen wollen wir dann mithilfe von Anekdoten, Storytelling und ähnlichem näherbringen um eben auch die Relevanz auf einer größeren Ebene deutlich zu machen.

    Was genau ist denn so destruktiv an der Berichterstattung, die diesen „Sensationscharakter“ erfüllt – also zum Beispiel reißerische Headlines und zahlreiche Schreckensnachrichten?
    Ein Problem ist, dass diese Einzelereignisse häufig negativ sind. Das heißt, und das ist empirisch belegt, dass wir ein ZU negatives Weltbild bekommen. Auf unseren Veranstaltungen zeigen wir das immer ganz pragmatisch indem wir diesen kleinen Ignoranz-Test von Hans Rosling durchführen. Der besteht aus vier einfachen Fragen, darunter „Wie viele Erwachsene weltweit können lesen und schreiben? Entweder 80, 60 oder 40 Prozent“ und die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sagt 60 oder 40 Prozent. Die richtige Antwort ist mittlerweile sogar über 86 Prozent. Das ist ein klassisches Beispiel für eine langfristige Entwicklung. Es heißt nicht, dass alles besser wird und es geht auch nicht darum, nur das Positive aufzuzeigen. Es ist aber ein sehr gutes Beispiel dafür, dass wir nicht genug darüber wissen. Und eine zweite Folge durch den Fokus auf die Einzelereignisse ist, dass wird sozusagen Puzzleteile zugeworfen bekommen, allerdings von verschiedenen Puzzles. So haben wir gar nicht die Chance, sie zusammenzubasteln, sondern haben 40 Verschiedene im Kopf angefangen ohne die passenden Zusammenhänge. Und wichtig ist es dann, diese Zusammenhänge fundiert aufzuzeigen. Es kommt also dieses negative Weltbild zustande und einige wenden sich deswegen von den Medien komplett ab, weil sie sagen „Ich kann da eh Nichts gegen ausrichten, das ist alles viel zu problematisch“, die lesen dann Landlust, Flow und Happiness – was auch völlig legitim ist! Aber da entsteht natürlich eine Gefahr, weil die Menschen dann die gesellschaftlichen Herausforderungen und auch die möglichen Lösungen nicht an sich heran lassen und sie es als eine Art Schutzmechanismus von sich weisen.Und das andere Extrem ist dann Zynismus, aus dem dann Passivität entsteht. Denn Zynismus ist letztendlich die größte Bremse für irgendeine Art der Aktivität.

    Und die Alternative...?
    Der Gegenentwurf ist dann eine lösungsorientierte Berichterstattung, bei der – ganz wichtig! – verschiedene Lösungen diskutiert werden und nicht nur eine als „die Richtige“ vorgestellt wird. Man muss das Gefühl bekommen, sich wirklich mit einer Sache auseinanderzusetzen, Pro und Kontra kennenzulernen und selbst zu reflektieren, was in der jeweiligen Sache passen könnte.Wir wollen dabei auch Positionen darstellen, die für uns erst mal ziemlich weit weg erscheinen. Wir wollen weg davon, die Zeitung X aufzuschlagen und zu wissen, welche politische Meinung oder Weltanschauung mich dort erwartet. Bei uns geht es eher um eine Art Wertekatalog, der vor allem beinhaltet, offen an die Problematiken ranzugehen und neue, verschiedene Perspektiven zu zeigen. Wir möchten Offenheit und weg von dem Dogmatismus und einer vorgefertigten Weltanschauung. Das ist – sowohl für sich selbst, als auch in der Kommunikation – anstrengend, aber auch unheimlich lohnenswert, weil man immer wieder Aha-Momente erlebt.

    Einer der Unterstützer von Perspective Daily, der Autor Hajo Schumacher, hat gesagt: „Konstruktiver Journalismus hat mehr mit Denken zu tun als mit Klagen, deswegen macht er manchen Kollegen Angst.“ Hast du diese Erfahrung auch gemacht?
    Ja, die Angst spüre ich auf jeden Fall. Bezogen auf den Journalismus bekommen wir momentan ein sehr breites Spektrum an Feedback. Da gibt es zwei Extreme: zum Einen Journalisten, die zu uns kommen und sagen, „Super, darauf haben wir gewartet!“. Teilweise sogar Journalisten, die schon eine Weile überlegen, mit Journalismus aufzuhören, weil sie mit der Situation unzufrieden sind, aber durch Perspective Daily wieder Hoffnung geschöpft haben. Das ist natürlich ein absolut schönes Kompliment und zeigt uns, dass wir einen Nerv treffen. Das andere Extrem sind allerdings Journalisten, die sagen „Wieso, genau so was machen wir doch schon längst?!“. Da ist ganz viel Kommunikation wichtig, um zu schauen, wo eventuell ein Missverständnis vorliegt über das, was wir machen oder wo wir uns klarer ausdrücken müssen.

    In anderen Ländern ist konstruktiver Journalismus bereits etablierter – in Großbritannien gibt es Positive News und in den Niederlanden De Correspondent. Wieso ist Deutschland bislang auf der Strecke geblieben?
    Das ist eine Frage, die in meinem Kopf und in den Köpfen Vieler in unserem Team herumschwirrte, als die Mitgliederzahl anfangs nur sehr langsam stieg. Wir haben von vielen Seiten gehört, dass es tatsächlich ein kultureller Unterschied sei. Im krassen Vergleich stehen zum Beispiel die Niederlande, die mit knapp 17 Mio. Einwohnern innerhalb von fünf Wochen 18.000 Mitglieder für De Correspondent gesammelt haben. Neulich kam bei einer Veranstaltung in Nürnberg von einer jungen Frau aus dem Publikum ganz vorsichtig die Frage, ob wir glauben würden, dass es in Deutschland besonders schwer sei. Das war ein unheimlich emotionaler Moment für mich. Und es hinterfragt natürlich auch das Konzept: geht es in Deutschland überhaupt? Wir sind fest davon überzeugt, dass es in Deutschland genug Menschen gibt, die dieser Idee offen gegenüberstehen und dass es die große Aufgabe ist, diese Menschen zu erreichen. Nora [Tschirner] hat mal gesagt, dass die Menschen so einen gewissen Selbstschutz und Selbsthygiene betreiben, was die Informationen betrifft, die sie an sich ran lassen. Man muss also die richtigen Kanäle finden um an sie heranzukommen.

    Momentan fehlen euch noch etwa 2500 Mitglieder, die Kampagne habt ihr verlängert. Ihr seid also noch zuversichtlich?
    Genau. Wir sind jetzt bei über 9000 Mitgliedern und haben noch bis zum 28. März um die fehlenden Mitglieder zu generieren. Und wenn man den klassischen Höhepunkt gen Ende beim Crowdfunding mit berücksichtigt, sind wir zuversichtlich, dass es klappt und wir dann hoffentlich im April starten können.

    Ihr wollt verändern. Was soll in 10 Jahren anders sein?
    Es sollte gesellschaftlich anerkannt und respektiert werden, Fehler einzugestehen und man soll sagen können: „Ok, ich habe etwas Neues gelernt und habe daraufhin meinen Ansatz oder meinen Blickwinkel verändert.“Ich glaube, wenn es dazu kommen würde, wäre unsere Gesellschaft einen großen Schritt weiter was Diskussionen, Austausch, Kommunikation oder Zukunftsorientierung angeht. „Utopie“ sollte wieder ein positives Wort werden und Nichts, das mit Spinnerei zu tun hat.

    Mehr Infos zu Perspective Daily und der Crowdfunding Kampagne findest Du hier!
    Text und Bilder von Lisa Ostwaldt